Ausgabe 32/2016: Interview mit Brigitte Ketterle-Faber, Missbrauchs-Beauftragte der Diözese Augsburg

Als der Missbrauchsskandal 2010 Deutschland erreichte, mussten die Kirchen schwere Kritik einstecken. Oft wurden Priester und Ordensleute generell an den Pranger gestellt, als ob sie von Amts wegen als Täter in Frage kämen. Seither sind auf Ebene der Deutschen Bischofskonferenz, aber auch in den Diözesen große Anstrengungen unternommen worden, die Missbrauchs-Bekämpfung und -Prävention auszubauen, die Opfer zu schützen und ihnen zu helfen. Im ersten Teil einer dreiteiligen Serie beantwortet die Augsburger Rechtsanwältin Brigitte Ketterle-Faber die Fragen unserer Zeitung. Sie ist Diözesane Beauftragte für die Prüfung von Vorwürfen sexuellen Missbrauchs und körperlicher Gewalt. Dabei hat die Juristin nicht selten mit anonymen Vorwürfen zu tun.

Frau Ketterle-Faber, Sie sind beruflich als Rechtsanwältin tätig und gleichzeitig Missbrauchs-Beauftragte des Bistums Augsburg. Wie oft kommt es vor, dass Sie in Ihrer Arbeit mit Fällen von körperlicher oder sexueller Gewalt konfrontiert werden?

Mein beruflicher Schwerpunkt liegt auf dem Familienrecht und auch dem Erbrecht, da ich auch in beiden Rechtsgebieten die Fachanwaltschaft innehabe. Gerade im Bereich des Familienrechts ist man häufig mit Gewaltanwendung unterschiedlichster Art konfrontiert, sei es bei Trennung und Scheidung, in Sorgerechtsverfahren oder auch bei der Anwendung des Gewaltschutzgesetzes. Daneben wird gerade in Familiensachen noch häufig durch Drohungen oder sonstige Druckmittel versucht, den eigenen Willen und die eigenen Vorstellungen – häufig auch brutal – durchzusetzen.

Sie sind vom Bistum Augsburg beauftragt. Wie unabhängig können Sie Ihre Tätigkeit ausüben?

Als Rechtsanwältin bin ich Angehörige eines freien Berufs. Ich kenne also keine Vorgesetzten, sondern Auftraggeber. Als bei mir wegen der Übernahme des Amtes der Missbrauchs-Beauftragten angefragt wurde, welches ich jetzt seit 2013 ausübe, habe ich nach einer gewissen Bedenkzeit unmissverständlich deutlich gemacht, dass ich mich als unabhängige Instanz sehe, die zunächst die Opfer und auch den Opferschutz zu beachten hat. Die Unabhängigkeit meiner Tätigkeit wurde mir zugesichert und seither auch nie angetastet.

Das bedeutet, niemand aus dem Bistum, auch nicht der Bischof oder der Generalvikar, kann Ihnen irgendwelche Weisungen erteilen?

Richtig. Ich darf Ihnen auch versichern, dass ich mein Amt unverzüglich aufgäbe, wenn ich in meiner Arbeit behindert werden würde. Dies ist aber gerade nicht der Fall, sondern es gibt eine absolut offene und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Bistumsleitung. Angeforderte Unterlagen werden mir rasch und auch ohne Rückfragen zur Verfügung gestellt. Eine Einschränkung habe ich diesbezüglich noch nie erfahren.

Was ist Grundlage für Ihre Arbeit?

Hier gilt für mich selbstverständlich die Beachtung der Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz, die für den Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger erstellt wurden. Diese Leitlinien beinhalten sowohl materielle als auch verfahrensrechtliche Vorschriften.
Dabei ist anzumerken, dass dort auch der Begriff des „sexuellen Missbrauchs“ definiert ist, der im Übrigen weit über das hinausgeht, was beispielsweise nach der deutschen Rechtsordnung strafbar ist. So sind ausdrücklich auch Handlungen unterhalb der Schwelle der Strafbarkeit zu berücksichtigen. Man kann also sagen, dass die Missbrauchsdefinition der Leitlinien um einiges weitergeht als die einschlägigen Definitionen des Strafgesetzbuchs.

Was ist bei konkreten Vorfällen oder Verdachtsmomenten zu tun?

Es sollten immer möglichst rasch die beauftragten Ansprechpersonen informiert werden, das heißt, man kann sich entweder an mich oder an meinen Stellvertreter, Herrn Otto Kocherscheidt, wenden. Unsere Kontaktdaten finden sich auf der Homepage der Diözese Augsburg. Die meisten Kontaktaufnahmen erfolgen über Telefon oder E-Mail.
 
Wie reagieren Sie auf Hinweise?

Hier ist zu unterscheiden, ob es sich um Hinweise auf aktuelle Geschehnisse oder auf Vorkommnisse handelt, die in der Vergangenheit liegen. Bei Letzteren sind manchmal, wenn die Hinweise von Opfern kommen, die Täter schon verstorben. Es gilt dann, mit den Opfern, die sich erst nach Jahren oder gar Jahrzehnten öffnen können, zu einem möglichst offenen und von jedem Zeitdruck befreiten Gespräch zu kommen. Dann wird eine Plausibilitätsprüfung durchgeführt, inwieweit die Angaben des Opfers mit den erarbeiteten Tatsachen in Einklang zu bringen sind,  etwa durch Einsicht in Personalakten, Heim- und sonstige Unterlagen. Wünscht ein Opfer die Stellung eines Leistungsantrags, bin ich auch dabei behilflich.
Wenn ein Täter noch lebt und konkrete Hinweise auf aktuelle Verfehlungen vorliegen, die die Gefährdung anderer Opfer nach sich ziehen könnten, werden die staatlichen Ermittlungsbehörden eingeschaltet. Hierbei ist zu betonen, dass in Deutschland polizeiliche und auch staatsanwaltschaftliche Ermittlungen stets neutral erfolgen, das heißt, es wird sowohl in Richtung Schuld als auch in Richtung Unschuld des Beschuldigten ermittelt. Ich stelle immer wieder fest, dass eine Vielzahl von Personen falsch informiert ist, da gerade in gern gesehenen amerikanischen Fernsehserien sich beispielsweise die Staatsanwaltschaft immer gegen den Beschuldigten richtet. Dies ist aber in Deutschland nicht der Fall, so dass gerade solche Ermittlungen auch durchaus dazu führen können, die Unschuld des Beschuldigten nachzuweisen.
Daneben wird selbstverständlich auch bei konkreten Hinweisen der Dienstvorgesetzte des Beschuldigten informiert, damit auch dort nach den Leitlinien dienstrechtlich vorgegangen werden kann.

Gilt das auch für anonyme Beschuldigungen?

Eine einzelne anonyme Beschuldigung kommt praktisch nicht vor. Es gibt aber immer wieder auch ano­nyme Hinweise, die gegen Personen gerichtet sind, bei denen schon früher Ungereimtheiten aufgetreten oder gegen die nicht verifizierbare Hinweise eingegangen sind. Sind anonyme Hinweise gravierend, detailliert oder auch nur ein Mosaikstein im Kontext zu anderen Informationen, muss der Schutz potentieller Opfer immer dem Täterschutz vorgehen.
Man sollte bedenken, dass der Institution Kirche Kinder und Jugendliche durch die Eltern anvertraut werden, weil sie dort wegen der hohen moralischen Ansprüche eine besondere Geborgenheit und Sorge erwarten. Umso gravierender ist es, wenn dieses Vertrauen durch angestellte, freie oder ehrenamtliche Mitarbeiter missbraucht wird. Hier darf es wirklich keine Toleranz geben.

Hatten Sie auch schon den Fall, dass sich anonyme Anzeigen als unwahr herausgestellt haben, und wie gingen Sie damit um?

Ich möchte die Fragestellung umkehren: Ich hatte schon anonyme Hinweise, die sich dann bei den Ermittlungen bestätigt haben. Es gab aber auch Hinweise, ob anonym oder mit Namen, die nicht zu einer gesicherten Erkenntnis führen konnten. Beispielsweise schildern auch namentlich bekannte Opfer lange zurückliegende Vorfälle, bei denen die Täter nicht mehr ermittelbar sind, Zeugen oder Mitwisser verstorben sind oder Ähnliches. Dann gestaltet sich auch in diesen Fällen die Aufklärung schwierig oder unmöglich. Allerdings hatte ich noch nie eine anonyme Anzeige oder einen anonymen Hinweis, den ich eindeutig als unwahr bezeichnen würde.  

 
Interview: jm/red/kgm; Foto: Zoepf

 

Zur Person
Brigitte Ketterle-Faber, Fach­anwältin für Familienrecht und Erbrecht, kam 1953 in Göggingen/Augsburg zur Welt. Sie studierte in Augsburg Rechtswissenschaften sowie Französisch und Deutsch. Seit 1979 ist sie als Anwältin zugelassen. Sie ist verheiratet und Mutter zweier erwachsener Kinder.