Ausgabe 33/2016: Interview mit Psychotherapeutin Helga Kramer-Niederhauser zum Thema Missbrauch und sexualisierte Gewalt

Meist handelt es sich beim Täter um jemanden aus dem persönlichen Umfeld, den das Opfer kennt und dem es vertraut. Auch deswegen, so die Erfahrung von Helga Kramer-Niederhauser, gilt: „Opfer haben große Angst davor, dass ihnen nicht geglaubt wird.“ Die Psychotherapeutin wirkt für die Diözese Augsburg im Ständigen Arbeitsstab zur Behandlung von Missbrauchsfällen. Im zweiten Teil unserer Serie tritt sie für „Aufklärung, Transparenz und Enttabuisierung“ ein, damit Kinder und Jugendliche besser geschützt werden und sexualisierte Gewalt keine Chance hat.

Frau Kramer-Niederhauser, Sie sind als Psychotherapeutin Mitglied im Ständigen Arbeitsstab des Bistums zur Behandlung von Missbrauchsfällen. Wie muss man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Im Ständigen Arbeitsstab bin ich vor allem gefragt, wenn meine psychologische Fachkompetenz hinsichtlich der Einschätzung der Gefährdung eines Opfers oder der notwendigen einzuleitenden therapeutischen Maßnahmen für ein Opfer benötigt wird. Es geht um Fallanalyse, Risikoeinschätzung, zu ergreifende Maßnahmen hauptsächlich im Hinblick auf die Opfer im Austausch mit allen Mitgliedern des Arbeitsstabes.



Das bedeutet, Ihr Blick liegt im Arbeitsstab vor allem bei den Opfern?

Ja, meine Aufgabe sehe ich darin, Opfer oder potenzielle Opfer vor weiteren Übergriffen zu schützen, die Folgen von zurückliegenden Taten zu benennen, den Zusammenhang zwischen Symptomen und Missbrauch bei Opfern sexualisierter Gewalt aufzuzeigen und zu entscheiden, ob und welche therapeutischen Maßnahmen unbedingt erforderlich sind, damit Heilung erfolgen kann.

Opfer befinden sich oft auch in psychischen Extremsituationen. Wie steht es da um den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen?

Das stimmt, Opfer sind extremen psychischen Belastungen ausgesetzt. Und doch gilt, dass ihre Aussagen stimmen. Es gibt wenige Ausnahmen, wo Menschen versuchen, sich über falsche Aussagen Vorteile zu verschaffen. Erfahrene Traumatherapeuten können dies schnell erkennen. Opfer haben große Angst davor, dass ihnen nicht geglaubt wird, da Täter ihnen das sagen und ihnen auch drohen, dass etwas passieren wird, sollten sie jemals erzählen, was ihnen angetan wird. Zugleich wird ihnen suggeriert, sie hätten ja Freude an den sexuellen Handlungen, weil sie sich nicht wehren würden. Meist vergehen sehr viele Jahre, bis sich ein Opfer traut, sich jemandem gegenüber zu öffnen und von den sexualisierten Gewalterfahrungen zu reden.



Was bedeutet für Sie „Missbrauch“?

Ich spreche lieber „von sexualisierter Gewalt“, da „Missbrauch“ suggeriert, es gäbe einen legitimen „Gebrauch“ von Menschen durch sexuelle Handlungen. Und der Begriff „Gewalt“ macht deutlich, dass es dabei immer auch um Gewalt in Form von Grenzverletzungen gegenüber einer Person, einem Kind geht, die durch sexuelle Handlungen ausgeübt werden.
Alles, was jemand gegenüber einem Kind, einem Jugendlichen oder Schutzbefohlenen an sexuellen Handlungen vornimmt oder vornehmen lässt, ist sexualisierte Gewalt. Die Grenzen, der Entwicklungsstand, das Alter des Opfers werden ignoriert, der Täter nutzt die eigene Macht aus.
Formen von sexualisierter Gewalt sind Übergriffe mit Körperkontakt, Vergewaltigung, aber auch verbale Belästigungen, Exhibitionismus, Voyeurismus, gemeinsames Ansehen von Pornofilmen und so weiter.
Und was ganz wichtig ist: Sexualisierte Gewalt passiert nicht zufällig, sondern ist immer geplant. Auch sexuelle Übergriffe wie wiederholte, scheinbar zufällige Berührungen der Brust, der Genitalien, die Aufforderung zu Zärtlichkeiten oder sexistische Spielanleitungen sind keine unbeabsichtigten Grenzverletzungen.



Die allermeisten Fälle geschehen im unmittelbaren persönlichen Umfeld der Opfer. Was kann man hier tun, um eine Kultur der Achtsamkeit zu fördern?

Täter nutzen in der Regel das Vertrauen der Opfer aus. In den meisten Fällen kennt das Kind, der Jugendliche den Täter gut und vertraut ihm. Von Tätern kann nicht erwartet werden, dass sie achtsam mit Kindern umgehen. Wenn wir beobachten, dass ein Kind gegen seinen Willen berührt wird, ein Jugendlicher anzügliche Bemerkungen über sich ergehen lassen muss, können wir das klar und deutlich ansprechen und „nein“ dazu sagen. 
Achtsamer Umgang bedeutet, einander zu respektieren, die eigene Bedürftigkeit zu reflektieren und ein feines Gespür zu entwickeln, wann es um das eigene Bedürfnis nach Berührung geht und wann es um das Bedürfnis der anderen Person, des Kindes, des Jugendlichen geht. Eine Kultur der Achtsamkeit ist bestimmt vom respektvollen, wertschätzenden und vertrauensvollen Umgang. Das Bewusstsein dafür und für Grenzverletzungen müssen wir immer wieder schärfen.



Ein Vorwurf an die Kirche lautet, sie trage als sozusagen „geschlossenes System“ dazu bei, dass Missbrauchsfälle nicht bekannt werden. Das gilt sicher auch für den familiären Bereich oder aber für Vereine. Was kann getan werden, um solche Systeme aufzubrechen?

Aufklärung, Transparenz und Enttabuisierung sind notwendig, also ein Darüber-Reden, ein Eingestehen, dass es sexualisierte Gewalt gibt, ein Informieren darüber, was darunter zu verstehen ist und das Vermitteln von klaren Verhaltensregeln, wie ein guter zwischenmenschlicher Kontakt gestaltet werden kann. Es muss ganz deutlich werden, dass der Schutz von Kindern, Jugendlichen und schutzbedürftigen Erwachsenen an erster Stelle steht und sexualisierte Gewalt in all ihren Formen nicht im Geringsten toleriert wird.



Nicht nur die Opfer, auch die Täter dürften sich in einer extremen psychischen Situation befinden. Wie gehen Sie in Ihrer Arbeit mit ihnen um?

Täter sind nur dann in einer extremen psychischen Situation, wenn sie sich ihre Schuld eingestehen können und unter ihren Wünschen leiden – falls es sich um Pädophilie handelt. Das ist jedoch häufig leider nicht der Fall. Nichtsdestotrotz brauchen sie Unterstützung und therapeutische Begleitung. Dafür bedarf es spezifischer fachlicher Qualifikationen, ebenso wie für die Arbeit mit traumatisierten Opfern.
Ich arbeite nicht mit Tätern, sondern vermittle sie an geeignete Fachstellen.

Interview: jm/red/kgm
 

Zur Person

Helga Kramer-Niederhauser ist Psychologische Psychotherapeutin und Diplom Psychologin. Als Diözesan­fachreferentin hat sie die Gesamtleitung der EFL-Stellen (Psychologische Beratungsstellen für Ehe-, Familien- und Lebensfragen) inne. Sie wurde in Landsberg/Lech geboren, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.