Ausgabe 49/2016: Ökumene ist Rückkehr zum Auftrag. Eine Zeitansage zur Einheit der Christen von Bischofsvikar Prälat Bertram Meier.

Das Reformationsgedenken und sein „Sitz im Leben“

Das Reformationsgedenken 2017 ist eine Premiere. Denn zum ersten Mal findet es im ökumenischen Kontext statt. Während das Ereignis vor 500 Jahren für uns Katholiken den Beginn einer weiteren Trennungsgeschichte markiert, haben der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Reinhard Kardinal Marx und der EKD-Ratsvorsitzende Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm ausdrücklich dazu eingeladen, das Gedenkjahr dafür zu nutzen, um gemeinsam ein Christusfest zu feiern. Kein geringerer als Papst Franziskus hat sich am 31. Oktober 2016 nach Lund in Schweden begeben, um das Gedenkjahr mit zu eröffnen. Wer also 2017 nur im Horizont der Trennung sieht, greift zu kurz. Mittlerweile hat sich auch die Geschichte einer Annäherung, eine ökumenische Geschichte ereignet. Dieser Entwicklung gilt es Rechnung zu tragen. Das Dokument „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“ von der Lutherisch/Römisch-katholischen Kommission für die Einheit ist dafür ein beredtes Zeugnis.1 Nicht vergessen sollten wir auch die Tatsache, dass die katholische Kirche heute ein anderes Gesicht hat als zu der Zeit, als Martin Luther auftrat, um sie zu kritisieren und gegen sie heftig, manchmal auch deftig zu polemisieren. Der Reformator würde heute auf eine andere katholische Kirche treffen als damals vor 500 Jahren.

Wenn einer eine Schwester hat, dann kann er was erzählen. Das weiß ich aus meiner eigenen Familie. Denn ich habe eine Schwester, die dafür gesorgt hat, dass es mir als Kind nie langweilig wurde. Was für Blutsverwandtschaften gilt, das trifft auch für Angehörige zu, die im Geist verbunden sind. Wir alle, die wir uns Christen nennen, gehören ja zu einer Familie. Und jeder kann sein Lied singen: Wenn einer eine Schwester hat, dann kann er was erzählen. - Meine Erzählung hat sieben Kapitel, aus der sich eine Wetterkarte ergibt. Es sind Beobachtungen eines ökumenischen Klimaforschers, nicht eines Wetterfrosches.

Gestatten Sie mir zwei Vorbemerkungen, ehe ich mit meiner Erzählung beginne.

- Was ist der Unterschied zwischen dem Klimaforscher und dem Wetterfrosch? Der Wetterfrosch ist wie ein Seismograph. Aufmerksam und sensibel nimmt er Strömungen wahr. Er klettert auf und ab je nach den Hoch- und Tiefdruck-gebieten, die einander kurzlebig die Hand geben. Diese Stärke der detaillierten Wahrnehmung ist auch seine Schwäche. Der Wetterfrosch ist viel in Bewegung im Gegensatz zum Klimaforscher, der eher langfristig fühlt und denkt. Der Klimaforscher klammert Hochs und Tiefs nicht aus, doch er schaut aufs Ganze; er nimmt Prozesse wahr und versucht daraus, die Schlüsse zu ziehen über Klimaveränderungen. So gesehen, verstehe ich mich weniger als Wetterfrosch und mehr als Klimaforscher. Es geht mir darum, 500 Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers die ökumenische Großwetterlage zu beschreiben.

- Ich habe vorher von der Schwester erzählt. Diese Rede ist als Bild zu sehen. Natürlich bin ich mir des Unterschiedes bewusst, der in unserem katholischen Verständnis zwischen einer Kirche und einer kirchlichen Gemeinschaft besteht: ein Unterschied, den das II. Vatikanische Konzil im Ökumenismus-Dekret „Unitatis redintegratio“ formulierte und der bis heute gängige Terminologie ist. Das heißt konkret: Während unsere orthodoxen Mitchristen Mitglieder von Schwesterkirchen sind, gehören unsere evangelischen Schwestern und Brüder nach katholischem Verständnis einer kirchlichen Gemeinschaft im Sinn einer Kirche anderen Typs an. Mit dieser theologischen Unterscheidung im Hinterkopf, werde ich dennoch aus praktischen Gründen von Kirchen sprechen, zumal ja auch in lehramtlichen Dokumenten im Hinblick auf Deutschland oft von den beiden großen christlichen Kirchen die Rede ist.

1. „Wie du mir, so ich dir“

Achtzehn Jahre sind vergangen seit der Unterzeichnung der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ in Augsburg. Danach konnte sich jedoch kein ökumenisches Hochdruckgebiet etablieren, die Witterungslage entwickelte sich eher wechselhaft. In ein anderes Bild gegossen: Die Ökumene gleicht weniger einer Liebesromanze als einem Kriminalroman. Doch die Vorzeichen waren anfangs gar nicht schlecht. Trotz der scharfen Einsprüche seitens einer Vielzahl evangelischer Theologen in Deutschland und einer heftigen Diskussion über das Für und Wider der Gemeinsamen Erklärung kann der 31. Oktober 1999 als „Meilenstein“ auf dem ökumenischen Weg gefeiert werden (Papst Johannes Paul II.). Die Zufuhr ökumenischer Frischluft hielt an, als am 4. September 2000 eine Bilaterale Arbeitsgruppe im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz und der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) das Studiendokument „Communio Sanctorum“ herausgab. Der Text fügt sich in die Logik des ökumenischen Weges ein und führt die Ergebnisse der Rechtfertigungserklärung fort. Ein Tag später, am 5. September 2000, wurde in Rom ein Text vorgestellt, der Furore machen sollte: Kardinal Joseph Ratzinger, der damalige Präfekt der Glaubenskongregation trat mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit, die den Titel „Dominus Iesus“ trägt und die Einzigkeit und Heilsuniversalität Jesu Christi und seiner Kirche darlegt.

Die ökumenischen Zeichen standen daraufhin auf Sturm. Wenngleich sich die heftigen Windböen mit der Zeit legten, sind die Wogen der sich anschließenden Diskussion bis heute noch nicht ganz geglättet. In die aufgewühlte See stießen zwei weitere Texte, diesmal vom Rat der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD): die Empfehlungen zum Gebrauch der Einheitsübersetzung bzw. der Lutherübersetzung der Heiligen Schrift zu ökumenischen Anlässen und das Votum zum geordneten Miteinander bekenntnisverschiedener Kirchen unter dem Titel „Kirchengemeinschaft nach evangelischem Verständnis“, das eher einer unversöhnten Verschiedenheit das Wort redet.

Wer diese und weitere Ereignisse der jüngsten Vergangenheit, die das ökumenische Klima prägen, Revue passieren lässt, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, es gehe hier um die Demontage der ökumenischen Erfolge. Doch m. E. ist die Ökumene nicht vor dem Aus. Daran kann auch ein vertrauliches EKD-Papier vom 2. Juli 2009 nichts ändern, das die katholische Kirche mit einem „angeschlagenen Boxer“ vergleicht und dem damaligen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz2 bescheinigt, keine „orientierende und prägende Kraft“ auszustrahlen. Das war kein Tsunami mit Langzeitschaden, das ist höchstens ein Sturm im Wasserglas. Auch wenn wir etwas Wetterleuchten am ökumenischen Himmel wahrgenommen haben, stehen wir keineswegs vor einer Eiszeit. Als am 13. Oktober 2009 Kardinal Kasper in Rom sein Buch mit dem Titel „Die Früchte ernten“3 präsentierte, antwortete er auf die Frage, ob eine Eiszeit in der Ökumene anbreche: „Im Gegenteil: Die Ökumene hat Hochsaison. Wir sind mitten im Hochsommer.“

2. Wie soll die Einheit aussehen?

Schon der Protest der 148 evangelischen Theologieprofessoren gegen die geplante Erklärung zur Rechtfertigungslehre im Januar 1998 machte auf einen kritischen Punkt aufmerksam. Die Gemeinsame Erklärung müsse als ein Baustein innerhalb eines ökumenischen Programms verstanden werden. Dieses Programm laufe allerdings auf eine Integration der evangelischen Amtsträger in das Gefüge der römisch-katholischen Hierarchie hinaus. Der hier ausgesprochene Verdacht gegenüber einem vermeintlich strategischen Ziel der römisch-katholischen Kirche konnte bis heute nicht ausgeräumt werden. Auf den Punkt gebracht: Während die römisch-katholische Kirche eine sichtbare kirchliche Einheit unter der Führung des Papstes wolle, strebe die evangelische Seite ein Konzept von Kirchengemeinschaft an, das der Pluralität der verschiedenen Kirchen wie auch der gegebenen Einheit der Kirche Jesu Christi gerecht werde. Noch zugespitzter: Ist das Konzept der evangelischen Kirchengemeinschaft kompatibel mit dem Begriff der sichtbaren katholischen Einheit?

Diese Alternative muss offen ausdiskutiert und geklärt werden. Dabei muss man auch Missverständnisse klarstellen, was die katholische Position anbelangt. Kirchengemeinschaft contra sichtbare Einheit ist ein falsches Gegenüber. Auch das römisch-katholische Konzept der Einheit denkt nicht in den Kategorien einer Rückkehrökumene im Sinne einer monotonen Einheitlichkeit, sondern im Bild der Communio ecclesiarum , einer Gemeinschaft von Kirchen. Der ökumenische Auftrag, der allen Christen ins Stammbuch geschrieben ist, entspringt weder einem modernen Organigramm von Kirche noch diplomatischen oder kirchenpolitischen Strategien, sondern kommt aus dem Mund Jesu. Sein O-Ton lautet: Ut unum sint! Lass sie eins sein! (Joh 17,21). So sieht die katholische Kirche den ökumenischen Weg als Rückkehr zum Auftrag Jesu. Diese Rückkehr zum Auftrag ist unumkehrbar.

3. Das gemeinsame Fundament: die Heilige Schrift

Es gehört heutzutage zum Grundbestand ökumenischer Überzeugungen, dass wir Christen gemeinsam aus dem Wort Gottes leben. Das Wort Gottes findet seinen Niederschlag in der Bibel; die Hochschätzung der Heiligen Schrift drückt sich wiederum im gemeinsamen Lesen und Studium der Bibel aus. Zu Beginn eines jeden Jahres sind wir Christen eingeladen, miteinander den Bibelsonntag und die Bibelwoche zu begehen. Leider nimmt nur eine geringe Zahl von Gläubigen diese Einladung an. Wenn Christen miteinander die Bibel lesen, dann hat sich dafür ein Text bewährt, der von evangelischen und katholischen Theologen gemeinsam erarbeitet wurde und Einheitsübersetzung genannt wird. Wollte man diese Übereinstimmung, die sich in der Einheitsübersetzung einen äußeren Ausdruck verschafft hat, relativieren, dann fragt man sich, worauf wir dann unsere ökumenischen Bemühungen noch gründen wollen. Die Einheitsübersetzung ist ein Geschenk, das trotz mancher Mängel eine gemeinsame Plattform der Bibellesung setzt. Diese Maßgabe sollten wir nicht vorschnell aufs Spiel setzen, ohne freilich die jeweiligen Gegebenheiten vor Ort außer Acht zu lassen.

Diese Übersetzung sollte die Bibelübersetzung Martin Luthers, die in den evangelischen Kirchen beheimatet ist und hochgeschätzt wird, nicht einfach streichen. Doch die Empfehlungen, die der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland zu Stellung und Gebrauch der Lutherübersetzung 2001 gab, haben in der katholischen Kirche gewisse Irritationen über die ökumenische Bedeutung der Einheitsübersetzung hervorgerufen. Hatte doch 1979 bei der Übergabe der Einheitsübersetzung auch die evangelische Seite festgehalten, dass es eine von beiden Seiten beschlossene Übersetzung sei. Deshalb verwundert es ein wenig, wenn von evangelischer Seite eingewandt wird, bei der Einheitsübersetzung handele es sich um ein katholisches Projekt. Wenn eine Grundlage der Gemeinsamkeit festgemacht werden kann, dann ist es die Übereinstimmung in der Heiligen Schrift. Über der Bibel haben wir uns getrennt, über die Bibel sollten wir uns einen. Deshalb ist das Projekt „Einheitsübersetzung“ ein Barometer dafür, wie ernst wir diese gemeinsame Grundlage tatsächlich nehmen. Leider ist aus der Neuauflage der Einheitsübersetzung kein ökumenisches Projekt geworden. Diese Tatsache ist bedauerlich, aber im Moment nicht zu ändern. Dennoch sollten wir uns dadurch nicht die Freude an der Ökumene verderben lassen.

Mittlerweile haben Ende 2016 sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche neue revidierte Bibelübersetzungen vorgelegt, die einander in der konkreten Arbeit mit der Heiligen Schrift bereichern können: die Einheitsübersetzung und die Lutherbibel. Da keine Übersetzung letztlich die Tiefe und Breite des Wortes Gottes erschöpfend wiedergeben kann, sollte man die beiden Veröffentlichungen nicht als Schlagwaffen gegeneinander stellen, sondern als Möglichkeiten zur wechselseitigen Bereicherung sehen.

4. Die Rechtfertigungserklärung zieht Kreise

Das Thema „Rechtfertigung“ bleibt auf der ökumenischen Tagesordnung. Die Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung am 31. Oktober 1999 in Augsburg hat rasch zur Erkenntnis geführt, dass der Kreis der Kirchen, mit denen über Rechtfertigung gesprochen werden kann, weiter gezogen werden müsste. Sowohl die Lutheraner als auch die Katholiken sind mit anderen Kirchen und Gemeinschaften darüber im Gespräch. Das Thema „Rechtfertigung“ bietet im Umfeld lutherischer, reformierter und unierter Kirchen die Basis für die Verwirklichung von Kirchengemeinschaft. Methodisten und Reformierte haben nach der Unterzeichnung signalisiert, dass sie an Gesprächen mit Lutheranern und Katholiken interessiert sind.

So haben der Lutherische Weltbund und der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen im November 2001 zu einer Konferenz eingeladen, an der Theologen und hochrangige Vertreter der römisch-katholischen Kirche, des Lutherischen Weltbundes, des Weltrates der Methodistischen Kirchen und des Reformierten Weltbundes teilnahmen. In erster Linie ging es darum zu prüfen, ob sich die genannten Kirchen miteinander auf die Ergebnisse der Gemeinsamen Erklärung beziehen können. Mit den Methodisten wurde mittlerweile schon ein Konsens erzielt, der mit einer trilateralen Unterschrift des Einheitsrates, des Lutherischen Weltbundes und des Weltrates der Methodistischen Kirchen am 26. Juli 2006 feierlich besiegelt wurde. Dieses Ereignis hat auch Papst Benedikt XVI. im Regensburger Dom am 12. September 2006 dankbar erwähnt. In Sachen „Rechtfertigung“ stehen also die Zeichen nicht schlecht.

Wenngleich das Thema Rechtfertigung in den Augen Martin Luthers der Punkt ist, an dem die Kirche steht und fällt, müssen wir dennoch der Ehrlichkeit halber einräumen: Wir sind längst nicht am Ziel. Es gibt Streitfragen, die noch heller ausgeleuchtet und redlich geklärt werden müssen. Es gibt menschliche Spannungen, die das ökumenische Miteinander erschweren können. Es gibt auch ein falsch verstandenes Harmoniebedürfnis, das Unterschiede einebnet um des lieben Friedens willen. Dabei geht es besonders um die Rolle der Kirche in der Vermittlung des Heils.

In der Enzyklika Ut unum sint 1995 legte Papst Johannes Paul II. eine Liste mit Themen vor, „die vertieft werden müssen, um zu einer echten Übereinstimmung im Glauben zu kommen“:

  1. die Beziehungen zwischen Heiliger Schrift und Tradition
  2. die Eucharistie mit den Fragen des Opfers und der Realpräsenz
  3. die Weihe als Sakrament in drei Stufen Bischofsamt, Priestertum und Diakonat
  4. das Lehramt der Kirche und der Petrusdienst (Papst)
  5. die Jungfrau und Gottesmutter Maria, Ikone der Kirche.4

Es gibt also noch viel zu tun!

5. Die Ökumene benötigt eine Osterweiterung

Der Dialog mit den Kirchen der östlichen Traditionen hat in den letzten Jahren zunehmend an Gewicht gewonnen. Hier war Papst Johannes Paul II. sicherlich ein Schrittmacher. Vor allem sein Bild von den zwei Lungen, mit denen die Kirche atmet, ist zum Slogan geworden. Was für Rom gilt, trifft auf Deutschland leider nicht zu. Das Interesse an den Ostkirchen beschränkte sich bislang auf einen kleinen Kreis ostkirchenkundlicher Experten. Deshalb ist eine „Osterweiterung“ der Ökumene dringend notwendig.5

Zum einen sind mit der EU-Osterweiterung östliche Nachbarstaaten in unser Blickfeld gerückt, die mehrheitlich orthodox sind. Ein kleiner Schritt in eine gute Richtung war der Weltgebetstag der Frauen 2002, der die Situation der Christinnen und Christen in Rumänien ins Licht hob. Auch regelmäßige Tagungen, von denen ich beispielhaft den jährlichen RENOVABIS-Kongress auf dem Freisinger Domberg herausgreife, bringen Christen aus Ost und West zusammen, nicht nur bei Vorträgen und Debatten, sondern auch bei Tisch und zum Gebet.

Ein weiteres Argument dafür, den Blick in Zukunft noch mehr gen Osten zu richten, liegt darin, dass die orthodoxen Kirchen in Deutschland an Bedeutung zunehmen, was besonders auf Zuwanderer aus Ost- und Mitteleuropa sowie auf die Flüchtlingsströme aus dem Nahen und Mittleren Osten zurückzuführen ist.

Daraus werden sich in Zukunft Herausforderungen auch für die zwischenkirchlichen Kontakte in Deutschland ergeben. Die multilaterale Ökumene wird wichtiger; die Einbindung dieser Kirchen in die ACK (Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen) auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene ist und bleibt eine Aufgabe, die mühsam, aber lohnend ist.

Ein dritter Grund für eine Osterweiterung der Ökumene liegt in der Bereichung, die dadurch für unser westliches Glauben, Fühlen und Denken in Gang kommen könnte. Die ostkirchlichen Traditionen – ob sie nun byzantinisch, koptisch, armenisch oder syrisch sind – werfen u. U. ein ganz neues Licht auf manche alte kontroverse Frage, die seit Jahrhunderten die Köpfe und Herzen der abendländischen Christen bewegt. Die Begegnung mit der orthodoxen Welt, die eine andere Art von Glauben und Beten einschließt, kann auch uns neue Zugänge eröffnen und zeigen: Wir in Westeuropa sind nicht der Nabel der Welt.

Die Prognose des Klimaforschers lautet: Im Hinblick auf kirchliche Strömungen kommt aus dem Osten keineswegs eine Kaltfront, sondern es nähert sich durchaus ein angenehmes Hochdruckgebiet, das mit frischer Luft und angenehmen Temperaturen, auch für Herz und Gemüt, verbunden ist.

6. Das heiße Eisen: die gemeinsame Eucharistie

Zur Jahrhundertwende war er wie ein Silberstreif am Horizont. Heute blicken wir durchaus realistisch, manchmal auch mit beklemmendem Gefühl auf ihn zurück: den ersten Ökumenischen Kirchentag, der 2003 in Berlin stattfand und dem 2010 in München ein weiterer folgte. Was zunächst als groß angelegtes Programm zur Belebung der ökumenischen Bemühungen beitragen sollte, geriet immer mehr ins Magnetfeld einer Grundsatzdebatte. Ins Zentrum der Auseinandersetzungen rückte die Frage nach der Möglichkeit einer gemeinsamen Eucharistie bzw. eines gemeinsamen Abendmahls. Dieses Problem drohte den ersten Ökumenischen Kirchentag als Zankapfel zwischen den verschiedenen Parteien zu zerreiben. Um der schwierigen Gemengelage zu entgehen, hatten sich die Verantwortlichen des Ökumenischen Kirchentages von Anfang an darum bemüht, deutlich zu machen, dass dieses Ereignis nicht dazu dienen sollte, das gemeinsame Abendmahl einzufordern.

An dieser Ausgangsposition hat sich auch im Vorfeld des zweiten Ökumenischen Kirchentages nichts geändert. Die Erinnerung an die beiden „ÖKT-1-Unfälle“, verursacht durch Prof. Hasenhüttl (Trier) und Pfarrer Kroll (Eichstätt), war geblieben. Während von offizieller Seite betont wurde, kein Öl ins Feuer dieser auf den Nägeln brennenden Frage nach der eucharistischen Gemeinschaft gießen zu wollen, gibt es bis heute hie und da Stimmen und Wortmeldungen, die Streichhölzern gleichen und mit dem Problem auf der kirchlichen Reibfläche zündeln wollen.

Was für das Vorfeld der Kirchentage im Großen gilt, wirft immer wieder Fragen auch im Kleinen auf. Selbst in unseren Städten und Dörfern wird der Ruf nach der gegenseitigen Gastfreundschaft beim Abendmahl bzw. bei der Feier der Eucharistie immer lauter. Manche träumen sogar von gemeinsamer Zelebration. Die sog. „Basis“ hat immer weniger Einsehen, warum dies nicht möglich sein soll. Ich kann den Wunsch verstehen, da ich selbst aus einer konfessionsverschiedenen Ehe stamme. Ich weiß auch, dass Menschen, die einander eng verbunden sind, leiden, wenn sie nicht gemeinsam zum Tisch des Herrn treten können. Doch für uns katholische Christen ist das gemeinsame Herrenmahl kein Mittel (instrumentum ) zur Einheit, sondern ein Zeichen dafür, dass die volle Einheit da ist (signum manifestans ). Denn Kirchengemeinschaft und Eucharistiegemeinschaft marschieren im Gleichschritt. Daraus ergibt sich als Faustregel: Man geht in der Kirche zur Kommunion, zu der man gehört. Dafür gibt es gute biblische Gründe (z.B. 1 Kor 10,17). Den Leib Christi gibt es nur als „Doppelpack“: als sakramentalen und ekklesialen Leib, als Hostie und als Kirche. Nur wer ganz im ekklesialen Leib der Kirche inkorporiert ist, hat auch teil am Leib Christi der Kommunion. Nur wenn die volle Communio verwirklicht ist, können wir gemeinsam kommunizieren.

Daraus folgt: Wir werden dann gemeinsam Herrenmahl halten, wenn wir am Ziel des Weges angelangt sind. Daher steht die gemeinsame Feier des Abendmahls bzw. der Eucharistie nicht am Anfang, sondern am Ende unseres oft mühseligen Gehens. So empfehle ich, weniger darauf zu schauen, was noch nicht möglich ist, als vielmehr das noch mehr auszuschöpfen, was wir schon mit einander und für einander tun können – auch im liturgischen Raum. Statt nur frustriert auf die noch nicht gegebene volle communicatio in sacris zu starren, sollten wir die communicatio in spiritualibus noch mehr ausnützen: die geistliche Ökumene.

In diesem Zusammenhang wünsche ich mir, dass wir das achten und respektieren, was dem ökumenischen Partner wichtig ist. Dieses Prinzip beruht auf Gegenseitigkeit. Wo die Einladung zum Zwang wird, kann sie den Eingeladenen in Gewissensnöte bringen. Wie unseren evangelischen Schwestern und Brüdern die Lutherbibel wichtig ist, so bitte ich auch um Respekt dafür, wenn wir die Feier der Eucharistie, Mitte und Höhepunkt unseres kirchlichen Lebens, schützen und nicht vorschnell zum Werkzeug der Einheitsbemühungen machen dürfen. Da die Frage der Altargemeinschaft wohl noch länger im Nebel liegen wird, empfiehlt es sich, einen Raum mit besserer Fernsicht aufzusuchen.

7. Unsere Zeit braucht das gemeinsame Zeugnis

Angesichts der gesellschaftspolitischen Debatten über den Anfang und das Ende des menschlichen Lebens, die Alternative zwischen den „Kulturen des Lebens und des Todes“ in vielerlei Hinsicht wächst im hohen Maß ethischer Orientierungs- und Beratungsbedarf. Diese Aufgabe kann kein Ethikrat leisten, auch wenn er von der Bundeskanzlerin einberufen wurde. Hier sind vor allem die Kirchen gefragt. Über viele Jahre hinweg haben in Deutschland die beiden großen Kirchen eine eigene Tradition öffentlicher Äußerungen in Form von Denkschriften und Hirtenschreiben entwickelt. Seit Jahrzehnten bemühen sich die katholische und die evangelische Kirche um gemeinsame Stellungnahmen. Die Mehrzahl der Veröffentlichungen behandelt Themen der Bio-, Wirtschafts- und Sozialethik. Getragen wurden diese gemeinsamen Äußerungen von dem Bewusstsein, dass die Christen eine gemeinsame Verantwortung tragen für die Werteentwicklung in einer pluralen und säkularen Gesellschaft.

Leider scheint dieser Konsens des gemeinsamen Sprechens in die Gesellschaft hinein zu bröckeln.6 Symptomatisch dafür ist eine Passage aus dem vertraulichen EKD-Arbeitspapier vom 2. Juli 2009: „Die intellektuelle und positionelle Präsenz in gesellschaftlich relevanten und politisch heiklen Fragen wird in den letzten Jahren deutlich von der evangelischen Kirche dominiert und geprägt. Die inhaltliche Profilierung der christlich-kirchlichen Positionen im Diskurs der Gesellschaft verantwortet nicht selten die evangelische Kirche, die zum Teil aufgrund ihrer Flexibilität auch gemeinsame Positionen mit der römisch-katholischen Kirche modifiziert hat, um nicht in eine prinzipielle Verweigerung gegenüber neueren Entwicklungen und Einsichten zu geraten (Stichwort: Stichtagsverschiebung).“ Hier wagt der ökumenische Klimaforscher eine Prognose: Die Ökumene des gemeinsamen Zeugnisses wird in Zukunft wichtiger denn je. Denn im Stimmengewirr vieler Meinungen und in einer Welt, in der vieles gleich gültig geworden ist und die Gott gegenüber gleichgültig lebt, kommt es darauf an, dass wir Christen uns in der Wertedebatte nicht auseinanderdividieren lassen. Um des Menschen willen müssen wir gemeinsam Wind machen, auf keinen Fall dürfen wir uns der Flaute hingeben, um des lieben Friedens willen.

Ein weiterer Grund wird uns in unserem ökumenischen Zeugnis noch mehr zusammenschweißen: Es ist der 11. September 2001. Wir können nicht nur diesen Tag beschwören als Ereignis, nach dem nichts mehr so ist, wie es war. Mittlerweile scheint es, als seien wir schon wieder zur alten Tagesordnung übergegangen. Doch wir können nicht so weiter machen, wie es war. Wenn auch die Bücher über den Islam seitdem zu den Bestsellern gehören, darf das Interesse nicht in den Bücherregalen verenden. Wir müssen mit den anderen Religionen ins Gespräch kommen. Zum interreligiösen Dialog gibt es keine Alternative. In einem Stadtteil von Dortmund treffen wir neben sechs christlichen Gotteshäusern auf 13 Moscheen. Die Tendenz ist klar: Christliche Kirchen werden zurückgebaut, d.h. umgewidmet oder abgerissen, während die Zahl der Baugesuche für Moscheen im Steigen begriffen ist. Doch was mir Sorge bereitet, sind weniger die voller werdenden Moscheen, sondern vielmehr die sich leerenden Kirchen.

Die Begegnung der Religionen und der interreligiöse Dialog gelingen nur dann, wenn wir Christen gemeinsam mit dem uns eigenen christlichen Profil auftreten. Nicht abtauchen hilft, sondern auftreten – ohne Zwang, aber durchaus selbstbewusst. Madeleine Delbrêl stellt uns vor die Alternative: entweder missionieren oder demissionieren. Demissionieren heißt aufgeben, abtreten, zurücktreten, die Bühne der Öffentlichkeit verlassen. Das ist unsere Sendung nicht. Obwohl die Euphorie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil der Ernüchterung gewichen ist, brauchen wir im Hinblick auf die Ökumene nicht resignieren: Wir haben in der Beziehung zwischen den Kirchen in den vergangenen fünfzig Jahren mehr erreicht, als in den 450 Jahren zuvor. Diese Zwischenbilanz darf uns bei aller Skepsis und Enttäuschung zu Dank und Freude führen. Nicht demissionieren ist unser Auftrag; wir haben eine Mission, die wir nur gemeinsam erfüllen können: als Salz der Erde und Licht der Welt (vgl. Mt 5, 13-14).

Ausblick: Das Martyrium als ökumenische Kategorie

Die Beobachtungen des ökumenischen Klimaforschers gehen zu Ende. In den vergangenen Jahren erlebten wir wechselhafte Zeiten; stürmische Tage gab es ebenso wie glühende Hitze und frostige Kälte. Auch reinigende Gewitter blieben nicht aus. Doch alles in allem ist das ökumenische Klima nicht abgekühlt.

Ein besonderes Hochdruckgebiet hat sich etabliert und wird leider meistens zu wenig beachtet: Es heißt „Martyria“, Zeugnis. Papst Johannes Paul II. hat gern auf dieses Hoch Bezug genommen: „In unserem Jahrhundert sind die Märtyrer zurückgekehrt, häufig unbekannt, gleichsam ‚unbekannte Soldaten’ der großen Sache Gottes. Soweit als möglich dürfen ihre Zeugnisse in der Kirche nicht verloren gehen. Der Ökumenismus der Heiligen, der Märtyrer, ist vielleicht am überzeugendsten. Die communio sanctorum , die Gemeinschaft der Heiligen, spricht mit lauterer Stimme als die Urheber von Spaltungen. (…) Das Zeugnis für Christus ist zum gemeinsamen Erbe von Katholiken, Orthodoxen, Anglikanern und Protestanten geworden. Das ist ein Zeugnis, das nicht vergessen werden darf“.7 Das Martyrium ist eine ökumenische Kategorie.

Ein glänzendes Beispiel für das Hoch der Märtyrer zeigt das Jahr 2011: die Seligsprechung der Lübecker Priester Johannes Prassek, Hermann Lange und Eduard Müller. Sie wurden am 10. November 1943 enthauptet, zusammen mit dem evangelischen Pastor Karl-Friedrich Stellbrink. Wo das Blut der Märtyrer für Christus zusammenfließt, verschwimmen die konfessionellen Grenzen: una sancta in vinculis ; die Eine heilige Kirche in Fesseln. Papst Franziskus hat wiederholt auf diese „Ökumene des Blutes“ hingewiesen.

Heute ist unser Zeugnis zwar nicht bis zum Blutvergießen gefordert. Trotzdem haben wir Christen mitunter das Gefühl, dass unsere Hände gebunden sind, dass wir gefesselt sind durch Konzessionen und Kompromisse, die uns die staatliche Autorität abverlangt. Mit den Wölfen heulen oder sich schüchtern ins heile katholische Schneckenhaus zurückziehen hilft nichts. Unsere Zeit braucht das gemeinsame christliche Zeugnis. Die ökumenische Bewegung entstand in den Schützengräben. An den Fronten der beiden Weltkriege sind die Christen zusammengerückt. Freudig und staunend haben sie daraufhin entdeckt, dass die Kirchen schon nah beieinander sind: Es kam die Zeit der Konsenspapiere. Die Generation der Schützengräben ist abgetreten. Die Autoren der Konsenspapiere sind in die Jahre gekommen. In der Ökumene steht ein Generationenwechsel an. Was wir nicht brauchen können, ist ein Rückzug in die Schützengräben der Konfessionen. Stattdessen ist es angezeigt, weiter zusammenzustehen, um den Strömungen unserer Zeit Front zu machen: einem Religionspluralismus, dem alle Religionen gleichwertig sind, und einem Laizismus, der keine Religion mehr braucht. Die Kirchen werden zukunftsfähig sein, wenn sie profiliert sind und zugleich ökumenisch offen.

Grundlage und Voraussetzung dafür ist – wie Thomas Söding es formuliert – die Umkehr der Kirche(n) als „Kehrtwende des Lebens: weg von der Fixierung auf die Vergangenheit, hin zur Orientierung an der Zukunft; weg von der Fixierung auf das Böse, hin zur Orientierung am Guten; weg von der Fixierung aufs Gehabte, hin zur Orientierung am Verheißenen. Bei den Propheten, bei Johannes und bei Jesus ist Umkehr mit dem Bekenntnis der Sünden verbunden und der Erfahrung der Vergebung, mit Reue und Zuversicht, Buße und Aufbruch zu einem neuen Leben.“8 Möge das auch gelten für das Leben der Ökumene!

 

1 Vom Konflikt zur Gemeinschaft. Gemeinsames lutherisch-katholisches Reformationsgedenken im Jahr 2017, Paderborn 2013 (2. Auflage), 9: „Wenn im Jahr 2017 katholische und evangelische Christen auf die Ereignisse vor 500 Jahren zurückblicken, dann tun sie das am angemessensten, wenn sie dabei das Evangelium von Jesus Christus in den Mittelpunkt stellen. Das Evangelium soll gefeiert und an die Menschen unserer Zeit weitergegeben werden, damit die Welt glaube. (…) Das ist der Grund für unsere Freude im gemeinsamen Glauben.“

2 Gemeint ist Erzbischof Robert Zollitsch, der von 2008 bis 2014 den Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz innehatte.

3 Vgl. Walter Kardinal Kasper, Die Früchte ernten: Grundlagen christlichen Glaubens im ökumenischen Dialog (Übersetzung aus dem Englischen Harvesting the Fruits . Basic Aspects of Christian Faith in Ecumenical Dialogue, Continuum International Publishing Group 2009), Paderborn 2011.

4 Vgl. ausführliche Liste in: Ut unum sint 79.

5 Darauf hat Walter Kardinal Kasper wiederholt hingewiesen, z.B. auf dem Katholikentag in Ulm 2004.

6 Als Beispiel unter anderen sei die Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) über Ehe und Familie genannt: Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken, Gütersloh 2013. Dort ist auf Seite 54 zu lesen: „Ein normatives Verständnis der Ehe als ‚göttliche Stiftung‘ und eine Herleitung der traditionellen Geschlechterrollen aus der Schöpfungsordnung entspricht nicht der Breite des biblischen Zeugnisses.“ Im Vorwort (S. 7) schreibt der damalige EKD-Ratsvorsitzende über die Familie: „Auch wenn Familie heute in ganz unterschiedlichen Formen gelebt wird, es gilt noch immer: Menschen brauchen den Willen und die Fähigkeit, sich auf ein ‚Du‘ als gleichwertiges Gegenüber einzulassen, an Bindungen auch in Belastungen festzuhalten und schöne wie schwierige Zeiten miteinander zu teilen, um verlässliche und langfristige Beziehungen zu gestalten.“

7 Apostolisches Schreiben Tertio millennio adveniente , 10. November 1994, 37.

8 Thomas Söding, Umkehr der Kirche. Wegweiser im Neuen Testament, Freiburg-Basel-Wien 2014, 7.